wolfsgeheul.eu vom 10.03.2016

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Wie würde eigentlich gewählt, gäbe es im Vorfeld keine Umfragen und keine Prognosen?

Wenn man sich die Theorien der selbsterfüllenden resp. -zerstörenden Prophezeiung ansieht, dann darf man wohl, ohne auf die Einzelheiten näher einzugehen, mit relativer Sicherheit davon ausgehen, daß Wahlvorhersagen keinesfalls ohne Einfluß auf den Ausgang der Wahlen bleiben. Den Standardfall bildet die Prognose eines überwältigenden Sieges einer Partei, die meistens dazu führt, daß deren Anhänger sich zu sicher fühlen und deshalb teilweise der Wahl fern bleiben, so daß am Ende das vorausgesagte Obsiegen nicht so komfortabel ausfällt oder gar gänzlich ausbleibt. Da aber bekanntermaßen radikalere Parteien ihre Wähler immer mehr oder minder geschlossen zur Urne treiben, wirken sich solche Voraussagen nicht für jede Partei gleich stark aus. Während also die Extremisten davon weitestgehend unbeschadet bleiben dürften, trifft es die Gemäßigten eher härter. Auch denkbar ist natürlich das Szenario, daß eine bestimmte Prognose überhaupt erst das Ergebnis determiniert, weil sich viele dadurch herausgefordert fühlen, mit ihrer Stimme das Eintreffen der vorausgesagten Werte auch tatsächlich zu sichern. Das alles geschieht in einem Umfeld, von dem wir wissen, daß in ihm viele Wahlentscheidungen nicht sehr rational getroffen werden, sondern häufig einer emotionalen Spontaneität entspringen, was die These erlaubt, daß eine derartige Wählerschaft besonders anfällig dafür ist, ihre Stimmabgabe in die eine oder andere Richtung von Prognosen abhängig zu machen.

Nun wird man den Grad der Beeinflussung von Wahlen durch Prognosen nicht exakt quantifizieren können. Dafür spielen zuviel weitere Faktoren letztlich in die Entscheidung hinein. Unterstellt man aber Obengesagtes im Grundsatz als richtig, dann kann als sicher gelten, daß Vorhersagen eine nicht unmaßgebliche Auswirkung auf den Ausgang einer Wahl haben. Wenn das jedoch so ist, dann bilden Wahlergebnisse, denen Prognosen vorausgegangen sind, niemals exakt den Wählerwillen ab, sondern sind zumindest teilweise in Abhängigkeit von der jeweiligen Prophezeiung erzielt worden. Dieses Faktum kann dann allerdings keinesfalls befriedigen, denn man möchte doch eigentlich für die längere Periode von mehreren Jahren einer Regierungszeit die höchstmögliche Sicherheit gewinnen, daß sich am Wahltag ein repräsentatives Bild der Wählermeinung abbildet. Alles andere erscheint doch auch nicht sinnvoll. Denn selbst bei einer geringen Wahlbeteiligung ist das Resultat das repräsentativste Ergebnis, das erreicht werden kann, während die Prognose immer nur eine Stichprobe mit all’ ihren Unwägbarkeiten darstellt und zumindest theoretisch sogar manipulierbar ist, was bei freien Wahlen definitiv ausgeschlossen werden kann.

Deshalb plädiere ich dafür, den demoskopischen Unkenrufern das Handwerk zu legen und Wahlprognosen am besten generell, im mindesten aber für die Zeit des Wahlkampfes, also ab circa drei Monaten vor der Wahl zu verbieten. Das würde nach meiner festen Überzeugung auch sofort zu einer höheren Wahlbeteiligung führen, da ein potentieller Wähler, der nicht weiß bzw. vermeintlich weiß, wie die Wahl ausgehen wird, eine viel stärkere Motivation haben dürfte, mit der Abgabe seiner Stimme, den Ausgang zu seinen Gunsten zu beeinflussen. Die doch ohnehin geheimen Wahlen gewönnen dadurch an Spannung und erweckten beim Wähler wieder mehr den Eindruck, daß er mit seinem Votum tatsächlich etwas bewirken kann. Im übrigen sind Umfragen im Laufe einer Legislatur ohnehin vollkommen unsinnig, da richtungsweisende Entscheidungen oft zunächst auch negative Auswirkungen haben können und sich erst am Ende eines Regierungszeitraumes gegebenenfalls erst abzeichnet, daß die Maßnahmen greifen und das versprochene bzw. gewünschte Ergebnis zeitigen. Deshalb soll der Wähler doch die Gesamtleistung würdigen, wenn es um die Frage geht, ob er das Mandat verlängert oder neue Kräfte am Werk sehen möchte. Das brächte auch den zusätzlichen Effekt, daß eine Regierung endlich einmal in größerer Ruhe Dinge, die einen längeren Zeitraum zur Entfaltung ihrer Wirkung benötigen, angehen könnte und anginge und sich nicht dem ständigen Diktat tagesaktueller Beliebtheitskurse ausgesetzt und sich diesen zu unterwerfen genötigt sähe.

Alles in allem eine in meinen Augen einleuchtende Forderung, die definitiv keinen Schaden anrichten und mit großer Wahrscheinlichkeit nur vorteilhafte Auswirkungen haben könnte. Schade, daß sinnvolle Vorschläge in der politischen Welt so geringe Aussichten auf ihre Umsetzung aufweisen!

Gute Nacht!

Ihr/Euer Wolf

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