wolfsgeheul.eu vom 18.05.2015

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Meine Kolumne macht mir Spaß, und ich verspüre nicht im geringsten den Drang, damit aufzuhören. Ganz im Gegenteil!

Einzig ein bißchen mehr Diskussion, so wie zu Beginn in Form des interessanten und weiterführenden Schlagabtausches mit meinem Kollegen und Freund über meine „Edathy-Kolumne“, wäre mir manchmal lieb. Nun weiß ich aber, daß der Prozentsatz der Leserbriefschreiber unter den Zeitungskonsumten per se gering ist und sich häufig aus der Gruppe der Ruheständler rekrutiert, die einfach die Zeit dazu haben, sich der Mühe zu unterziehen, ihrer Meinung bzw. Kritik Ausdruck zu verleihen. Insofern freue ich mich, daß sich der Großteil meiner Leser offenbar noch im Arbeitsprozeß befindet. Auf der anderen Seite aber geht es um unsere Zukunft resp. mehr noch um die unserer Kinder, so daß das virulente Interesse, an der Meinungsbildung mitzuwirken, eigentlich bei letzteren läge. Altbundespräsident Roman Herzog hat lt. T-Online gerade beklagt, daß die Älteren zu sehr auf Kosten der Jüngeren lebten. Ob das so ist, will ich hier nicht kommentieren, jedoch sollte sich die Jugend die Frage stellen (lassen), ob es für ihren weiteren Weg klug ist, die Meinungshoheit denen zu überlassen, deren Zukunft erkennbar begrenzt ist.

Trotzdem ist es genauso schön wie erstaunlich, daß die Alten überwiegend noch so vital und interessiert am Leben teilnehmen. Und da schließt sich der Kreis, denn meine 89-jährige Mutter verfolgt meine Beiträge auch genauest und hält mit Kritik und Kommentar nicht hinter dem Berg. An meiner „Tattoo-Kolumne“ vom vergangenen Freitag hatte sie nichts auszusetzen, verwies aber auf einen Kästner-Text, der so gut paßt, daß ich ihn nachfolgend einbringe. Auch wenn sich der Kabarettist in diesem Gedicht allein auf die Frauen kapriziert, läßt sich das Gesagte heute eins zu eins auf die Männer übertragen, was im übrigen augenfällig macht, wie sehr sich der Mann, der doch die Moden lange Zeit gerne den Frauen überließ, gewandelt hat. Das Rollenverständnis ist vollkommen durcheinandergeraten; früher wäre es doch undenkbar gewesen, daß ein Fußball-Bundestrainer für Herrenkosmetik wirbt. Aber er trainiert ja auch fast nur noch tätowierte Spieler. O tempora, o mores!

Auf geht’s!

Erich Kästner

Sogenannte Klassefrauen

Sind sie nicht pfuiteuflisch anzuschauen?
Plötzlich färben sich die Klassefrauen,
weil es Mode ist, die Nägel rot!
Wenn es Mode wird, sie abzukauen
oder mit dem Hammer blauzuhauen,
tun sie’s auch. und freuen sich halbtot.

Wenn es Mode wird, die Brust zu färben,
oder falls man die nicht hat, den Bauch . . .
Wenn es Mode wird, als Kind zu sterben
oder sich die Hände gelbzugerben,
bis sie Handschuhn ähneln, tun sie’s auch.

Wenn es Mode wird, sich schwarzzuschmieren . . .
Wenn verrückte Gänse in Paris
sich die Haut wie Chinakrepp plissieren . . .
Wenn es Mode wird, auf allen Vieren
durch die Stadt zu kriechen, machen sie’s.

Wenn es gälte, Volapük zu lernen
und die Nasenlöcher zuzunähn
und die Schädeldecke zu entfernen
und das Bein zu heben an Laternen,
morgen könnten wir’s bei ihnen sehn.

Denn sie fliegen wie mit Engelsflügeln
immer auf den ersten besten Mist.
Selbst das Schienbein würden sie sich bügeln!
Und sie sind auf keine Art zu zügeln,
wenn sie hören, daß was Mode ist.

Wenn’s doch Mode würde, zu verblöden!
Denn in dieser Hinsicht sind sie groß.
Wenn’s doch Mode würde, diesen Kröten
jede Öffnung einzeln zuzulöten!
Denn dann wären wir sie endlich los.

Es ist also alles nur eine Mode, mit der Besonderheit bei der Tätowier-Mode allerdings, daß die Menschen, die ihr anhängen, davon ein Leben lang gezeichnet sind.

Wenn ich zuweilen dazu neige, in den Chor der Älterwerdenden einzustimmen, die das Früher glorifizieren und das Heute verteufeln, helfen solche Rückgriffe, um wieder auf den Teppich zu kommen und die Dinge zu relativieren. Ganz offensichtlich war es zu jeder Zeit merkwürdig, was der Erdenmensch so veranstaltet, und die Geschichte scheint sich in Variationen zu wiederholen. So sei es denn, wenn es uns aber wenigstens gelänge, beim Thema „Krieg“ den Druck auf die „da capo-Taste“ zu vermeiden.

Gute Nacht!

Ihr/Euer Wolf

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wolfsgeheul.eu vom 17.05.2015

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Wir scheinen eine gehetzte Gesellschaft zu sein. In den letzen Jahren hat sich die „togo“-Bewegung in einer Art und Weise breit gemacht, daß sie mir eine Anmerkung wert ist.

Früher wurden Kinder, zumindest aus dem bürgerlichen Umfeld, dazu erzogen, daß draußen nicht gegessen und getrunken wird. Es war nicht immer zu unserem Wohlgefallen, daß wir unser schönes Spiel länger unterbrechen mußten, um uns in der häuslichen Küche zu stärken, während andere in der Sonne verbleiben und ihren Apfel nebenbei essen durften. Neben hygienischen Gründen gab diese Regel der Nahrungsaufnahme einen besonderen Stellenwert, es sollte gesittet und in Ruhe vorsichgehen. Zwei der wenigen Ausnahmen, die mir einfallen, waren das Eishörnchen, aber selbst das wurde überwiegend innehaltend verzehrt, allein schon um das Kleckern unter Kontrolle und fern der Kleidung zu halten, und die Wegzehrung bei sportlichen Outdoor-Aktivitäten, die aber, vom Radfahrer vielleicht abgesehen, auch nur in dafür eingelegten Pausen und zumeist sitzend eingenommen wurde.

Das hat sich vollständig gewandelt. Wenn man heute spazieren oder in die Stadt geht, begegnen einem ständig Menschen, die irgendetwas ihrem leiblichen Wohl Dienendes in der Hand halten, seien es die inzwischen nahezu unverzichtbar erscheinende Wasserflasche, der Kaffee, der „togo“, nicht „Togo“, bekannt und berühmt gemacht hat, das Brötchen, das Teilchen, der Döner, der Hamburger, die Wurst, das Obst oder was auch immer. Und da man die Verzehrzeit offenbar nicht immer richtig einschätzt oder einschätzen, soll sagen mit der Wegzeit koordinieren kann und will, werden angebrochene Snacks und Drinks auch gedanken- und bedenkenlos mit in die Kaufhäuser, Läden und sogar die Museen und Theater mitgeführt, wo es die Verkäufer und Ordner offenbar inzwischen überwiegend aufgegeben haben, freundlich aber bestimmt ihren Kunden und Besuchern vorübergehend die Tür zu weisen. Was bringt Menschen dazu, sich überall wie zu Hause, wo es ja mutmaßlich so zugehen muß, zu fühlen und zu benehmen? Und glauben diese Leute eigentlich, sie würden verhungern oder verdursten, wenn sie nicht ständig äßen und tränken? Letzteres kann in unseren Zeiten und Breiten mit Sicherheit nicht der Grund sein.

Es scheint daher einzig mit schlechter Erziehung, schlechtem Vorbild und schlechtem Benehmen erklärbar zu sein. Dabei ist schon erstaunlich, in welch‘ kurzer Zeit über Jahrhunderte gewachsene Kultur-und Zivilisationsleistungen, die uns vom Urzeitmenschen und Barbaren merklich und wohltuend abhoben, über Bord gehen respektive geworfen werden. Ganz abgesehen einmal davon, daß auch die kleine Unterbrechung der Hektik, das kurze Gespräch, der schweifende Blick auf die Umwelt dieserart unter den Tisch fallen. Es geht also etwas Maßgebliches verloren, und das verändert den Menschen und die Gesellschaften eindeutig zum Negativen. Wer nicht ruht und rastet, kommt nicht zum Nachdenken. Eine schlüssigere Erklärung für die grassierende Bedenkenlosigkeit und Egozentriertheit ist mir in letzter Zeit noch nicht eingefallen.

Wir sollten die Woche mit einer zehnminütigen Pause beginnen und in Ruhe einen Kaffee und ein Pain au chocolat zu uns nehmen.

Gute Nacht!

Ihr/Euer Wolf

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